Die Erbschleicher, die Fortsetzung

Ein agiles Portrait von Tassilo Wallentin
Dr. Tassilo Wallentin
Erbrecht

Die Zahl der Demenzkranken steigt – und mit ihr die Erbschleicherei

Der 4. Corona-Lockdown hat die soziale Isolation hilfsbedürftiger Menschen dramatisch verschärft. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung, ebenso wie die Zahl der Menschen mit demenzbedingten Einschränkungen.

Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der Opfer eines Erbschleichers wurde.

Ideale Bedingungen für Erbschleicher

Noch nie gab es so viel zu vererben. Noch nie wurden wir so alt. Und noch nie gab es so viele Menschen, die ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können. Corona hat diese Entwicklung beschleunigt. Jeder Lockdown verstärkt die Isolation – und schafft perfekte Voraussetzungen für Erbschleicherei.

So funktioniert die Masche

Die Täter sind meist Betreuer, Haushaltshilfen oder angeblich "nette Bekannte". Sie gewinnen Vertrauen, isolieren das Opfer gezielt von seiner Familie und verbreiten Lügen über Angehörige. Sie werden zur einzigen Bezugsperson – und nutzen diese Abhängigkeit aus.

Dann kommt der Druck: Das Opfer soll in letzter Minute das Testament ändern – zugunsten der Täter. Das gesamte Vermögen wechselt so in die falschen Hände.

Kein Einzelfall – ein gesellschaftliches Problem

Diese Fälle sind kein Randphänomen. Die WHO prognostiziert einen Anstieg der Demenzfälle um 40 % in den kommenden Jahren. Gleichzeitig vererben die Österreicher jährlich 15–20 Milliarden Euro. Die Gefahr ist real.

Um es mit den Worten eines Ex-Kanzlers zu sagen: „Bald wird jeder jemanden kennen, der Opfer eines Erbschleichers wurde.“

Ich sehe die Entwicklung täglich

Als Erbrechtsanwalt erlebe ich ein sprunghaftes Ansteigen dieser Fälle. Und das Hauptproblem liegt im System: Nicht die Täter, sondern die geprellten Erben müssen beweisen, dass das Testament unter Druck oder List zustande kam – ein fast aussichtsloses Unterfangen.

Was jetzt zu tun ist

Rechtzeitig handeln!

Wer Verdacht schöpft, sollte:

  • frühzeitig rechtlichen Rat einholen,
  • den geistigen Zustand des Betroffenen dokumentieren,
  • Beweise sammeln und präsent sein,
  • Isolation verhindern – Nähe ist Schutz.

Reformvorschlag: Beweislast umkehren

Was wir brauchen, ist eine Justizreform: In Zukunft soll der mutmaßliche Erbschleicher nachweisen müssen, dass das Testament frei von Zwang, Irrtum oder List entstanden ist. Gelingt das nicht, gelten die gesetzlichen Erben.

Vorsorge ist der beste Schutz

Unsere steigende Lebenserwartung bedeutet: Viele von uns erleben eine lange Phase der Hilfsbedürftigkeit. Deshalb sollte jeder rechtzeitig Vorkehrungen treffen – um sicherzustellen, dass der eigene Wille respektiert wird.

Ein eindrucksvolles Beispiel aus der Praxis

„Ich danke Ihnen dafür, dass Sie für meinen verstorbenen Vater zeitlebens alles geregelt haben. Als er hilflos wurde, ging ich vorsorglich zu seinen Betreuern und sagte: Sie brauchen erst gar nicht auf dumme Ideen zu kommen. Mein Vater hat alles bindend verfügt. Es gibt bei ihm nichts zu holen.“

– Eine Klientin in einem Beratungsgespräch

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